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Burma/Myanmar 2012
Aussteigen. Mich daheim fühlen. So wie vor zehn Jahren, so wie alle anderen Male davor. Eine ganz eigene Stimmung erfasst mich. Wie mag es wohl meinem Burma in den letzten zehn Jahren ergangen sein, wie dramatisch werden die Änderungen sein, die ich vorfinden werde?
Klar. Ich war in den letzten zehn Jahren tagtäglich mit Burma befasst, mit seinen Menschen und ihren unwürdigen Lebensumständen. Ich war auch regelmäßig dort; husch, husch, mal kurz über die grüne Grenze zu unseren Projekten. Aber ins „touristische“ Burma bin ich aus Respekt vor den Unterdrückten, den Vertriebenen nicht mehr.
Ein Bild von Aung San Suu Kyi ziert die Windschutzscheibe unseres Taxis. Vor 2 Jahren noch ein Verbrechen, das mit vielen Jahren Gefängnis geahndet wurde. Die Menschen sprechen auch wieder ganz offen und ohne Angst von ihrer „Lady“ und dass sie im April dann als gewählte Vertreterin für alles Gute in diesem Land sorgen wird, verkaufen überall Poster und Bilder von ihr und ihrem Vater, lesen über sie in den lokalen Medien. Und sie schimpfen über die neue Regierung, so wie eben überall auf der Welt. Es herrscht Aufbruchsstimmung.
Die Luft in Yangon ist besser als erwartet. Alle Taxis und Busse wurden, im Gegensatz zum höllenverpesteten Mandalay, auf Methangasbetrieb umgestellt, hupen ist verboten und alle Motorräder sind aus der Stadt verbannt. Es lässt sich leben. Einige neue Gebäude, ein paar Wohnsilos und einige Kaufhäuser mit rein lokalem, chinesischem und thailändischem Warenangebot wurden gebaut. Geld kann inzwischen offiziell bei jeder Bank gewechselt werden. Es gibt noch viele, neue Luxusressorts in den Tourismushochburgen und, ach ja, 2 vierspurige Autobahnen nach Mandalay und in die Retortenhauptstadt Naypyidaw. Sie werden wenig befahren. Die Menschen glauben, der Zementbelag sei nicht gut für die Reifen! Sonst hat sich aber nicht viel verändert.
Das Land liegt am Boden, und mit ihm die Menschen. Je weiter ich mich von den touristischen Routen entferne, dasselbe Bild. Armut. Himmelschreiende Armut. Es ist zum Verzweifeln. Und dennoch lächeln. Einladende Gesten. Neugier.
Ich bin schockiert. Die Situation für die Menschen ist erschreckend schlimm. Ich vergleiche mit Mae Sot. Die Armut hier ist brutaler. Hier gibt es niemanden, der hilft oder helfen könnte. In Mae Sot gibt es Organisationen und Einrichtungen für die Menschen aus Burma. Hier geht es ums nackte Überleben, in Mae Sot darf es dann schon ein bissl mehr sein. Eigentlich wollte ich endlich Urlaub machen, jetzt läuft mein Kopf, laufen meine Emotionen wieder im roten Bereich.
Ich sehe überall als Touristen getarnte Investoren. Sie fallen über das Land her. Benötigt wird alles, das Land ist reich und hat als besonders attraktive Zugabe arme und dumme Menschen zum Ausbeuten. Die Grundstückpreise in manchen touristischen Gebieten haben sich im letzten Jahr verzehnfacht. Grund und Boden drohen ausverkauft zu werden, ebenso alle natürlichen Ressourcen. Und die Menschen drohen verkauft und abermals versklavt zu werden. Nur diesmal sind die Herrscher keine Militärs, sondern schnöde Dollarnoten.
Wir müssen etwas tun, wir werden etwas tun. Noch im März werde ich zu einer weiteren Erkundungstour aufbrechen und im April auch unser Team aus Mae Sot vor Ort schicken. Die Entwicklung Richtung Frieden und Freiheit scheint in Burma/Myanmar nicht mehr umkehrbar. Die Menschen werden aus Thailand und den Nachbarländern zurückkehren. Viele von ihnen sind inzwischen gut ausgebildet und haben die Chance am Wachstumskuchen, an der bevorstehenden rasanten Entwicklung teilzuhaben. Aber noch für viele Jahrzehnte werden Millionen Menschen in Elend und Armut dahinsiechen. Wir haben durch unsere Arbeit in Mae Sot gezeigt, dass wir nachhaltig helfen können. Wir möchten das auch in Burma/Myanmar für die Menschen im Land tun.
Zum Schluss noch mein persönlicher Höhepunkt, der Lichtblick. Am letzten Tag komme ich beim Büro der National League of Democracy vorbei, Aung San Suu Kyi’s Partei. Sie ist seit Tagen auf Achse und tourt, auch begleitet von lokalen Medien und guter Berichterstattung, durch das Land. Im April sind Nachwahlen, sie wird ins Parlament einziehen.
Vor dem Büro Menschentrauben. Meine Heldin der vergangenen 15 Jahre ist anwesend, verteilt Geschenke an fleißige Schulkinder. Mir ist ganz kribbelig, ich kann es kaum glauben. Ich stehe nahe am Ausgang. Tatsächlich, sie kommt auf mich zu. Menschen machen Fotos gemeinsam mit ihrer „Lady“. Ich spreche sie an, Aung San Suu Kyi bleibt stehen. Lächelt. Ein wunderbarer Augenblick. "Bitte eine Botschaft der Hoffnung für die Menschen an der Grenze in Mae Sot. Ich bin von Helfen ohne Grenzen und arbeite seit zehn Jahren vor Ort!" Sie blickt mir in die Augen: "Was wir hier tun, tun wir für alle Burmesen, auch für die Menschen in Mae Sot. Es gibt Hoffnung!" Lächelt und geht weiter. Ich bleibe mit offenen Mund stehen. So lange davon geträumt, jetzt Wirklichkeit. Aung San Suu Kyi ist frei, greifbar für die Menschen, betreibt Wahlkampf und kann sich frei im Land bewegen.
Ein bewegender Moment!
Vor dem Büro werden Wahlkampf-Gadgets verkauft. Ich decke mich großzügig ein im etwas hilflosen Versuch, diesen für mich historischen Moment für immer festzuhalten.
Benno Röggla

